
Was, wenn du erst mit 70 merkst, dass du nie nach dem gelebt hast, was dir wirklich wichtig ist?
Meine Liebe,
ich hab letzte Woche mit einer Frau telefoniert, die nächstes Jahr 70 wird. Wir hatten grad zusammen die Masterclass zum Thema Werte gemacht und am Tag danach haben wir telefoniert und ich hör noch genau, wie ihre Stimme geklungen hat. So, als hätte grad jemand ganz leise das Licht in einem Zimmer angemacht, in dem sie schon ewig gesessen hat, ohne zu merken, wie dunkel es eigentlich war.
Sie hat gesagt: Mir war nicht klar, dass ich nicht nach dem lebe, was mir wichtig ist. Aber das ist mir gestern so schlagartig klar geworden. Und dann kam der Satz, der mir bis heute nachgeht: Sie lebt seit ihrem siebten Lebensjahr nach dem, was andere von ihr erwarten. Seit ihrem siebten Lebensjahr, meine Liebe. Fast 63 Jahre.
Und weißt du, was mich daran so berührt hat? Sie hat kein kaputtes Leben. Sie hat einen liebevollen Mann, ein Zuhause, einen Alltag, der von außen komplett stimmt. Und trotzdem hat sie mir erzählt, wie ihr Magen rebelliert, sobald sie sich mal Zeit für sich nimmt und ihr Mann ungeduldig wird.
Sie hat ein Leben lang genau darauf gehört, wie andere reagieren und nie darauf, wie es sich in ihr selbst anfühlt.
Und ich glaub, genau da liegt die Wahrheit, die ich dir heute wirklich sagen will. Du kannst dein ganzes Leben von außen perfekt dekorieren, du kannst die Familie haben, den Status, den funktionierenden Alltag, und trotzdem innen komplett leer sein, weil das, worauf alles gebaut ist, nicht dein eigenes Fundament ist, sondern ein Plan, den irgendwann mal jemand anderes für dich gemacht hat.
Das Fiese daran ist, dass du dich für dieses Leeregefühl fast schämst. Weil du objektiv keinen Grund dafür siehst. Du denkst dir, ich hab doch alles, wieso bin ich trotzdem nicht glücklich. Und genau diese Scham ist es, die dich festhält, viel mehr als die eigentliche Situation.
Ich wünsche mir, dass du, die du das grad liest, nicht erst 70 werden musst um das zu verstehen. Weil Zeit anders ist als Geld.
Geld kannst du verlieren und wieder verdienen. Zeit nicht. Die ist einmal weg, und du kriegst sie nirgendwo mehr zurück.
Und ich will nicht, dass du in zwanzig, dreißig Jahren an einem Punkt stehst, an dem du zurückschaust und merkst, dass du fast dein ganzes Leben für andere gelebt hast, ohne dass es dir jemand gesagt hat.
Meine Kundin hat direkt am Tag danach angefangen. Sie hat sich ihr Yoga-Zimmer als Rückzugsort genommen, Tür zu, und wenn die Tür zu ist, wird sie nicht gestört. Ganz simpel, und trotzdem für sie riesig, weil sie zum ersten Mal ihr eigenes Bedürfnis über die Ungeduld ihres Mannes gestellt hat. Sie ist rausgegangen in den Wald, obwohl er keine Lust hatte mitzukommen und ist einfach gegangen. Sie hat angefangen, ihren Kleiderschrank auszumisten, als kleines, ganz körperliches Symbol dafür, dass sie loslässt, was nicht mehr zu ihr passt.
Und das ist genau der Punkt, den ich dir mitgeben will:
Wissen allein verändert nichts.
Meine Kundin hat genug Podcasts gehört, genug gelesen, sie wusste eigentlich schon lange, dass irgendwas nicht stimmt. Und erst als sie angefangen hat, es wirklich zu leben, Schritt für Schritt, ganz konkret, hat sich was verschoben. Und ja, es hat geknirscht. Ihr Umfeld findet ihre neuen Themen teilweise too much, ihr Mann kommt mit ihren Grenzen nicht sofort klar. Aber das ist kein Fehler im System, das ist das Zeichen, dass sich endlich was bewegt. Wenn du anfängst, nach dem zu leben, was dir wirklich wichtig ist, dann wackelt erstmal alles drumherum, so wie ein Haus während der Sanierung. Die Türen klemmen, es gibt Risse, alles fühlt sich instabiler an als vorher. Und trotzdem ist das Fundament danach das erste Mal wirklich deins.
Ich will nicht, dass du für immer jemanden brauchst, der dich hält, meine Liebe. Ich will, dass du irgendwann merkst: Ich halte mich selbst.
Aber dafür musst du erstmal hinschauen, wo du grad nach fremden Plänen lebst, statt nach deinen eigenen Werten. Frag dich mal ehrlich: Würdest du deiner Tochter, deiner besten Freundin, dem Menschen, den du am meisten liebst, dieses Leben wünschen das du gerade führst? Nicht wie es von außen aussieht. Sondern wie es sich für sie anfühlen würde, es von innen zu leben.
Du findest Zeit für alles und jeden. Nur nicht für dich. Und ich glaub, das ist der Satz, an dem du heute mal kurz stehen bleiben darfst, ohne ihn gleich wieder wegzuorganisieren.
Und ich will einfach, dass du am Ende deines Lebens zurückschaust und sagst: Ich hab’s nach mir selbst gelebt.
Deine Mandy

PS: Wenn dich beim Lesen grad irgendwas angepiekst hat – schreib mir gern, welcher Satz hängen geblieben ist. Ich lese jede Antwort. Und falls du merkst, dass du grad an genau diesem Punkt stehst, an dem meine Kundin vor ihrem Anruf stand: Ich begleite Frauen genau durch diesen Weg zurück zu ihrem eigenen Fundament, nicht mit Standardprogramm, sondern individuell.