
Ich nenne es nicht mehr Midlife Crisis. Ich nenne es Midlife Chance.
Meine Liebe,
Ich höre in letzter Zeit von so vielen Frauen den gleichen Satz, und der geht mir seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf: "So schlimm ist es doch eigentlich gar nicht." Sie sagen das über ihr Leben, das nach außen wirklich funktioniert, den Job, die Familie, das Haus, den Garten, und trotzdem sitzt da abends dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Und dann kommt sofort dieser Gedanke hinterher, wie eine Bremse: aber andere wären doch froh, so ein Leben zu haben. Also reiß dich zusammen. Sei dankbar.
Ich kenne das, und ich will dir sagen, warum genau dieser eine Satz die größte Falle ist, in die wir Frauen in der Lebensmitte tappen können.
Weil er nämlich klingt wie Bescheidenheit, und in Wahrheit ist er nur eine Ausrede, um nicht hinschauen zu müssen. Du bist nicht undankbar, wenn du trotzdem unzufrieden bist, meine Liebe.
Du musst nicht erst wirklich unglücklich genug sein, bevor du dir erlaubst, etwas zu verändern.
Es geht überhaupt nicht darum, ob dein Leben schlimm genug ist. Es geht um eine ganz andere Frage, und die ist viel ehrlicher: Ist es das Leben, das du auch in den nächsten zwanzig Jahren noch genauso weiterleben willst?
Und genau da wird es körperlich, weißt du. Es ist ja nicht nur ein Gedanke, der einem irgendwann kommt. Es zeigt sich vorher schon, ganz woanders. In der Gereiztheit, die plötzlich da ist, obwohl eigentlich nichts Schlimmes passiert ist. In diesem Moment vorm Spiegel, wo du dich kurz anschaust und denkst: Wer bin ich hier eigentlich geworden, und wo wollte ich eigentlich hin. Ich erkenne mich selbst manchmal nicht mehr wieder, das höre ich so oft, und ich hab es selbst auch gespürt, dieses leise Fremdwerden im eigenen Leben, während von außen alles nach wie vor okay aussieht.

Ich stell mir das gerne wie eine Waagschale vor. Auf der einen Seite liegt alles, was du für andere gibst, für den Partner, die Kinder, den Job, die Erwartungen, die irgendwann mal jemand an dich gestellt hat und die du dir zu eigen gemacht hast. Und auf der anderen Seite, meine Liebe, da bist du. Und wenn du ehrlich hinschaust, merkst du vielleicht, dass da schon lange nicht mehr viel draufliegt. Das ist kein Egoismus-Thema. Es geht überhaupt nicht darum, jetzt rücksichtslos zu werden oder alle anderen aus deinem Leben zu streichen. Es geht nur darum, dass du dich selbst wieder mit in diese Waagschale reinlegst. Das ist alles. Und trotzdem verändert das alles.
Ich hab lange das Wort Krise benutzt, für diese Phase, in der so vieles ins Wanken gerät, und irgendwann hab ich gemerkt, wie sehr mich dieses Wort runterzieht. Krise klingt nach Kontrollverlust, nach etwas, das einem passiert, nach etwas, das man überstehen muss. Und dann hab ich angefangen, es anders zu nennen. Ich nenne es nicht mehr Midlife Crisis. Ich nenne es Midlife Chance. Weil es das ist, was es wirklich ist, meine Liebe.
Es ist der Moment, in dem dir zum ersten Mal ehrlich klar wird, dass du dein eigenes Leben aktiv gestalten darfst, statt es nur weiter zu verwalten.
Und ich stell mir dabei oft dieses Bild vor, das Bild vom Gipfelkreuz. Du hast die erste Hälfte deines Weges hochgekämpft, mit ganz viel Kraft, mit Leistung, mit Verantwortung, mit dem Funktionieren-für-alle, und jetzt stehst du oben, und vor dir liegt der Abstieg, die zweite Hälfte. Und du kannst da einfach stehen bleiben und dich nicht entscheiden, und weißt du was, das ist auch eine Entscheidung. Das ist die Entscheidung, alles genauso weiterlaufen zu lassen, wie es bisher war. Oder du schaust runter, spürst kurz, wie sich das anfühlt, dieser Wind da oben, und entscheidest bewusst: So geht es weiter, oder eben nicht.
Ich hab neulich mit einer Kundin gesprochen und sie hat mir erzählt, wie ihr das plötzlich schlagartig klar wurde, dass sie ihr Leben lang eigentlich nach den Erwartungen anderer gelebt hat und nicht nach dem, was ihr selbst wichtig ist. Sie hat mir gesagt: "Mir war gar nicht bewusst, dass ich nicht so nach mir lebe, nach meinen Werten, aber das wurde mir plötzlich so schlagartig klar." Und sie hat mir von ihrem Mann erzählt, wie ungeduldig er wird, wenn sie sich mal Zeit für sich nimmt, und wie sie das körperlich spürt, in ihrem Magen. "Er kann nicht warten", hat sie gesagt, "und dann merke ich, wie mein Magen rebelliert." Und dann hat sie angefangen sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, die Tür zuzumachen, und einfach zu sagen: "Nee, jetzt gehe ich in mein Zimmer, und wenn die Tür zu ist, möchte ich da nicht gestört werden." So klein, und gleichzeitig so groß, weil sie damit zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder für sich selbst eingestanden ist.
Du musst nicht alles hinschmeißen, um dich selbst wiederzufinden.
Das ist übrigens auch das, was ich dir sagen will, meine Liebe, wenn du gerade denkst, du müsstest jetzt alles hinschmeißen, um dich selbst wiederzufinden. Musst du nicht. Du musst nicht deinen Job kündigen, nicht deine Beziehung beenden, nicht dein ganzes Leben umkrempeln. Du darfst nur ehrlich hinschauen, und dann Schritt für Schritt verändern, was nicht mehr zu dir passt. Meine Kundin hat auch nicht ihr ganzes Leben über den Haufen geworfen. Sie hat angefangen, ihren Kleiderschrank auszumisten, als kleines Symbol fürs Loslassen, und ist alleine in den Wald gegangen, wenn ihr Mann keine Lust hatte mitzukommen, statt zu warten, bis er mitzieht. Das ist Selbstbestimmung im Alltag, nicht der große Knall.
Und deswegen will ich dir heute diesen einen Gedanken mitgeben, ganz ehrlich, von Herz zu Herz. Du hast dir in der ersten Hälfte deines Lebens ein gutes Leben aufgebaut. Du hast funktioniert, du hast dich gekümmert, du hast Verantwortung übernommen, und das ist wirklich was wert, das darfst du dir auch anerkennen. Und jetzt, genau jetzt, darfst du entscheiden, wie du den Rest davon leben willst. Nicht irgendwann. Nicht wenn die Kinder aus dem Haus sind, nicht wenn der Job ruhiger wird, nicht wenn es dir schlecht genug geht, um endlich zu handeln. Jetzt.
Deine Zeit ist zu wertvoll, um sie weiter aufzuschieben.
Deine Mandy

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