Deine Angst ist nicht dein Stoppschild

Meine Liebe,

ich will dir heute etwas erzählen, das ich lange mit mir rumgetragen habe, bevor ich wirklich verstanden habe, was es mir eigentlich sagen wollte.

2018 saß ich bei meiner Friseurin, und während sie mir die Haare geschnitten hat, hab ich im Spiegel gesessen, nachgedacht und genau gewusst, dass hinter einer bestimmten Tür in meinem Leben etwas auf mich wartet und mich ruft. Und gleichzeitig hat sich mein Bauch verkrampft, so richtig fest, als würde jede Zelle in mir schreien, bloß nicht, bloß nicht jetzt, bleib lieber da, wo du bist. Ich wusste genau, was ich wollte, und trotzdem hat sich alles in mir gegen den nächsten Schritt gewehrt.

Und genau diesen Moment kenne ich mittlerweile von so vielen Frauen, mit denen ich arbeite. Diesen Punkt, an dem du ganz genau spürst, was du verändern willst, und trotzdem stehen bleibst.

Weil die Angst so laut wird, dass sie sich anfühlt wie die Wahrheit.

Und ich möchte dir heute etwas sagen, das mein Leben verändert hat, als ich es endlich verstanden habe: Deine Angst ist nicht dazu da, dir zu sagen, lass es lieber sein. Manchmal ist sie genau das Gegenteil. Manchmal ist sie die Türklinke, kurz bevor du in dein erfülltes Leben gehst.

Ich weiß, wie verrückt sich das im ersten Moment anhört, weil wir alle gelernt haben, Angst als Warnsignal zu lesen. Und ja, sie ist ein Signal, nur eben nicht immer das, für das wir sie halten. Dein Gehirn fragt dich in solchen Momenten nämlich nicht, was dich glücklich macht. Es fragt dich, was du schon kennst, und was dich sicher durch den Tag bringt. Vertrautheit fühlt sich für dein Gehirn an wie Sicherheit, egal ob dieses Vertraute dich eigentlich unglücklich macht oder nicht.

Deshalb kommt diese Angst auch nicht, wenn du etwas Falsches planst. Sie kommt genau dann, wenn du etwas wirklich Bedeutungsvolles beginnst. Und ich glaube, das ist der Punkt, an dem sich bei den meisten von uns etwas verschiebt, sobald wir ihn wirklich hören: Nicht jede Angst will dir sagen, tu es nicht. Manche will dir nur sagen, das hier ist wichtig für dich, pass gut auf dich auf dabei.

Ich hab mich damals hingesetzt, viel später als ich sollte, und mich ehrlich gefragt, was da eigentlich in mir passiert. Und irgendwann hab ich verstanden, dass ich gar keine Angst vor der Veränderung selbst hatte.

Ich hatte Angst davor, was diese Veränderung in mir auslösen könnte.

Vor dem, was sichtbar werden würde, wenn ich anfange, ehrlich hinzuschauen. Und das ist ein ganz anderer Satz als „ich habe Angst vor Veränderung", findest du nicht auch? Der eine hält dich fest. Der andere zeigt dir, wo genau du hinschauen darfst.

Und genau da hab ich angefangen, meine Angst zu befragen, statt gegen sie anzukämpfen. Ich hab sie gefragt, wovor sie mich eigentlich beschützen will. Und die Antwort war ehrlich gesagt ziemlich unbequem: Kontrollverlust. Die Angst, dass ich Menschen enttäusche, die mir wichtig sind. Das Gefühl, dass ich mich dann vielleicht rechtfertigen muss für etwas, das andere nicht verstehen. Das war alles echt, und trotzdem war nichts davon ein Grund, stehen zu bleiben. Es war nur ein Grund, mir selbst gegenüber ehrlich zu werden.

Und wenn ich dir heute eine einzige Unterscheidung mitgeben könnte, dann diese: Angst argumentiert. Sie rechtfertigt sich, sie liefert dir zehn gute Gründe, warum du besser bleibst, wo du bist, und dieses ständige Ja-aber in deinem Kopf ist keine Vernunft. Es ist deine Angst, die sich nur als Argument verkleidet. Deine Intuition dagegen ist leise. Sie klingt nicht wie ein Streitgespräch, sie fühlt sich eher an wie eine ruhige Gewissheit, die einfach da ist, ohne dass sie sich beweisen müsste. Wenn du das nächste Mal vor einer Tür stehst, die du nicht aufmachst, dann frag dich ganz kurz, ob in dir gerade jemand argumentiert oder ob da eine leise Stimme einfach nur weiß.

Ich möchte dir dabei auch etwas mitgeben, das ich selbst erst lernen musste:

Du musst nicht warten, bis die Angst verschwindet, bevor du gehst.

Sie wird nämlich nicht kleiner, weil du wartest. Sie wird kleiner, weil du losgehst. Und wenn du deine eigene Wahrheit erst mal kennst, brauchst du auch keine zehn Meinungen von anderen mehr dazu. Am Ende entscheide ich mit meinem Herzen, das war schon immer so, und je öfter ich das tue, desto vertrauter wird sich dieser Weg an, statt fremder zu werden.

Wir stehen alle irgendwann an so einem Wendepunkt, an dem wir merken, dass die Zeit weiterläuft, egal ob wir uns entscheiden oder nicht. Und das ist für mich kein Grund zur Angst, sondern eine Chance, die wir uns selbst schenken dürfen: Die Frage ist nie, ob dein bisheriges Leben schlimm genug war, um etwas zu verändern. Die Frage ist nur, ob es das Leben ist, das du auch morgen noch genauso weiterleben möchtest.

Ich sag es dir, wie ich es meiner eigenen Angst irgendwann gesagt habe: Ich sehe dich. Danke, dass du mich beschützen willst. Und trotzdem gehe ich jetzt meinen Weg. Du darfst genau das Gleiche zu deiner sagen, meine Liebe. Die Tür, vor der du gerade stehst, muss sich nicht angstfrei anfühlen, damit sie die richtige ist. Sie darf sich genau so anfühlen, wie sie sich gerade anfühlt, und du darfst die Klinke trotzdem runterdrücken.

Ich freu mich riesig, wenn du dich von mir auf diesen Weg mitnehmen lässt.

Deine Mandy

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